Boot aufgebockt am Ufer des Meeres

 

Vom Warten und vom Einsteigen

 

Es war einmal ein Mensch, der an einem breiten Fluss lebte. Schon seit vielen Jahren zog es ihn auf die andere Seite, denn dort, so sagte man, beginne ein anderes Leben. Eines, das stimmiger sei, freier, wahrhaftiger. Er hatte oft davon geträumt, dort anzukommen, hatte sich ausgemalt, wie es wäre, morgens aufzuwachen und zu wissen, dass er richtig war – am richtigen Ort, im richtigen Leben.

Eines Tages fand er eine alte Karte. Sie zeigte den Fluss, seine Strömungen, die Untiefen, sogar die Stelle, an der das Ufer auf der anderen Seite besonders sanft anstieg. Die Karte faszinierte ihn. Er studierte sie, trug sie bei sich, erzählte anderen davon. Manche hörten ihm interessiert zu, andere warnten ihn. Der Fluss sei unberechenbar, sagten sie. Man müsse den richtigen Moment abpassen. Man dürfe nichts überstürzen.

Direkt am Ufer lag ein Boot. Es war nicht neu, aber gut gebaut. Robust. Es schaukelte leicht im Wasser, als würde es darauf warten, gebraucht zu werden. Der Mensch betrachtete es oft, ging daran vorbei, strich manchmal sogar mit der Hand darüber. Doch er stieg nie ein.

Er dachte nach. Er bereitete sich vor. Er wollte sicher sein.
Und während er sicherer werden wollte, verging die Zeit.

Die Jahreszeiten wechselten. Der Fluss floss weiter, unbeeindruckt von seinen Gedanken. Die Karte wurde brüchig an den Rändern, das Boot vom Wetter gezeichnet – doch es hielt.

Eines Abends, als das Licht weich wurde und der Fluss ruhig dalag, kam ein alter Mann des Weges. Er blieb stehen, sah den Menschen, die Karte, das Boot. Lange sagte er nichts. Dann nickte er, als hätte er alles verstanden, und sprach ruhig:
„Der Fluss trägt niemanden, der nur darüber nachdenkt, hinüberzukommen.“

Mehr sagte er nicht. Er ging weiter, als hätte er nie angehalten.

Der Mensch blieb zurück. Zum ersten Mal legte er die Karte beiseite. Er spürte, dass sie ihm nichts Neues mehr erzählen konnte. Er sah das Boot an, nicht als Möglichkeit, sondern als Einladung. Und in diesem Moment verstand er etwas, das ihn zugleich erschreckte und erleichterte: Nicht der Fluss hatte ihn aufgehalten. Nicht die Strömung. Nicht der falsche Zeitpunkt. Sondern sein Warten darauf, sich irgendwann bereit zu fühlen.

Ob er schließlich einstieg, weiß niemand.
Aber der Fluss floss weiter.
Wie immer.

Fazit:
Manchmal ist der größte Mut nicht, das Ziel zu kennen oder die perfekte Karte zu haben, sondern einfach einzusteigen. Der Fluss wartet nicht auf uns. Er trägt nur die, die den ersten Schritt tun. Wer handelt, beginnt zu leben. Wer wartet, bleibt am Ufer – und sieht vielleicht erst Jahre später, dass alles bereit gewesen wäre.


 

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