Segelboot auf dem offenen Meer mit gesetzten Segeln – Symbol für Vertrauen, Freiheit und den eigenen Lebensweg.

 

Der Mann, der auf den Wind wartete

 

Es war einmal ein Mann, der sich vorgenommen hatte, eines Tages ein großes Segelschiff zu bauen. Er sammelte Holz, studierte die Sterne, zeichnete Pläne und beobachtete jahrelang das Meer. Er wollte alles richtig machen. Das Schiff sollte perfekt sein. Stark, sicher und bereit für die große Reise. Als es schließlich fertig war, lag es am Ufer.

Doch der Wind blieb aus. Der Mann wartete. Einen Tag. Eine Woche. Einen Monat.

Immer wieder ging er zum Wasser, blickte hinaus und sagte: „Wenn der Wind endlich kommt, werde ich losfahren.“

Die Menschen um ihn herum begannen längst, mit ihren kleinen Booten aufs Meer hinauszufahren. Manche hatten Gegenwind. Andere wurden von Wellen überrascht. Wieder andere kamen nach einer Weile zurück, reparierten ihre Boote und fuhren erneut los.

Der Mann aber blieb am Ufer.

Eines Tages setzte sich eine alte Frau neben ihn. „Worauf wartest du?“, fragte sie.

„Auf den richtigen Wind.“

Die alte Frau lächelte. „Und was machst du, wenn er nicht kommt?“

Der Mann schaute sie verständnislos an. „Dann kann ich doch nicht fahren.“

Die Frau zeigte hinaus aufs Meer. „Du hast ein Segel. Du hast ein Ruder. Du hast einen Kompass. Und du hast ein Meer vor dir. Warum glaubst du, dass das Leben dir immer genau den Wind schicken muss, den du gerade möchtest?“

Der Mann schwieg.

„Manchmal“, sagte die Frau, „musst du die Segel anders setzen. Manchmal musst du rudern. Manchmal lässt du dich treiben. Und manchmal musst du einfach tanzen, wenn das Meer dich bewegt.“

„Tanzen? Auf einem Schiff?“

„Natürlich. Was glaubst du, was ein guter Seemann macht, wenn die Wellen höher werden? Er kämpft nicht gegen jede einzelne Welle. Er lernt, sich mit ihr zu bewegen.“

Der Mann sah lange aufs Meer hinaus. Dann stand er auf. Er löste die Leinen, setzte die Segel und fuhr hinaus. Der Wind war noch immer nicht perfekt. Aber er war da. Und zum ersten Mal verstand der Mann: Das Leben wartet nicht darauf, dass alles stimmt. Es lädt dich ein, dich zu bewegen.

Manchmal mit dem Wind. Manchmal gegen ihn. Manchmal mitten durch einen Sturm. Und manchmal einfach nur mit einem Lächeln und offenen Armen. Denn vielleicht besteht Lebenskunst genau darin, nicht darauf zu warten, dass das Leben nach unseren Vorstellungen tanzt.

Vielleicht geht es darum, selbst mit dem Leben zu tanzen.

 


 

Willst Du regelmäßig neue Geschichten und Metaphern lesen, dann tragen Dich in meine „Liebesperle“ (= Newsletter) ein. 2 x monatlich erhältst Du solch aufbauende Texte neben anderen sinnreichen Inhalten.