Verfasst von Sylvia Bieber, erschienen am 3. Mai 2019 auf ViGeno

 

 

 

Irene und Heinz – Wenn Gefühle gefühlt werden wollen

Liebe Leserin, lieber Leser, vielleicht erinnern Sie sich noch, dass Irene und Heinz die Aufgabe hatten, wöchentliche Qualitätsgespräche, auch Zwiegespräche genannt, zu führen. Anfangs nutzten sie alle bewussten und unbewussten Tricks, um diese Termine zu umschiffen. Angefangen bei Körpersymptomen über Unfälle bauen bis hin zu wichtigen, unaufschiebbaren Geschäftsterminen und Überraschungsbesuche von Freunden, war alles dabei, damit diese Gespräche verschoben werden oder ausfallen mussten.

Langsam ist Routine eingekehrt und die Zwiegespräche finden tatsächlich regelmäßig statt. Allerdings sind sie inhaltlich noch nicht so weit, dass jedes Gespräch auch konstruktiv wäre. Es holpert und stolpert an vielen Punkten und immer wieder sind Feinjustierungen im Coaching notwendig.

Heute sitzen die Beiden wieder vor mir
Irene moniert, dass Heinz einfach nicht in der Lage ist, auf ihre Gefühle einzugehen. Sie geht sogar so weit zu behaupten, dass Heinz gar keine Gefühle habe. Zumindest könne sie keine bei ihm spüren. Und wenn sie ihn fragen würde, was er fühlt, würde er sagen „ich denke, dass es mir gut geht, jetzt gerade“. Auf das Nachfragen, was er mit gut meine, könne er nichts erwidern.

Heinz schaut sie während dieser Erklärungen verzweifelt an, während er immer wieder mit dem Kopf schüttelt. Auf Nachfrage, was ihn dazu veranlasse, meint er: „Ich weiß gar nicht, was sie will. Sie macht mich einfach nur fertig. Wie soll‘s mir denn gehen? Gut halt! Irene schnaubt und ist frustriert. „Ich kann mit gut nichts anfangen“, meint sie. „Und Gefühle denken, kann ich auch nicht. Ich fühle doch Gefühle. Und er fühlt nichts, er denkt nur.“

Gefühle wahrnehmen und beschreiben lernen
Gefühle im Alltag wahrzunehmen und richtig zu benennen, fällt vielen Menschen sehr schwer. Häufig werden Gefühle, Gedanken und Körperwahrnehmungen verwechselt oder auch vermischt. Ich denke, mir geht es gut, ist ein klassisches Beispiel dafür. Die Frage, die mehr Klarheit bringen würde, könnte lauten: Was fühlst Du, wenn es Dir gut geht?

Vielleicht kommt dann die Antwort: Ich habe ein warmes Gefühl im Bauch, was wiederum eine Körperwahrnehmung ist. Dahinter können sich Gefühle wie froh, gut gelaunt, zufrieden, vergnügt, belustigt, etc. verbergen. All dies erkläre ich Irene und Heinz. Um die eigenen Gefühle wahrnehmen und zuordnen zu können, sensibilisiere ich die Zwei für einige Basisgefühle.

Kulturübergreifend haben Psychologen fünf bis sieben Basisgefühle definiert, die alle Menschen gleichermaßen empfinden können. Liebe, Freude, Angst, Trauer, Wut, Scham gehören dazu. Um sie greifbarer, fühlbarer zu machen, können wir diese Gefühle in Nuancen aufspalten.

Wenn wir zum Beispiel Freude empfinden und gefragt werden, wie es uns geht, können wir sagen: ich bin froh, gut gelaunt, beglückt, zufrieden, beruhigt, sorglos, gelassen, friedvoll, befreit, dankbar, vergnügt, belustigt, lebendig, wie neu geboren, beschwingt, entzückt, leidenschaftlich, jubelnd, strahlend, sprühend, warmherzig, beseelt, unbekümmert, voller Vorfreude, etc.

Empfinden wir dagegen Angst, kann ich im Gespräch auch erklären, dass ich mich unbehaglich, unwohl, befangen, aufgeregt, furchtsam, hilflos, alarmiert, zaghaft oder unentschlossen fühle.

Irene und Heinz schauen mich mit großen Augen an und Heinz meint: „Mir war gar nicht klar, wie viele Gefühlsworte es gibt. Das habe ich nie gelernt. Bei uns zu Hause wurde über Gefühle nicht gesprochen und wenn mir einmal eine Träne gekullert ist, durfte ich mir anhören, dass ein Junge nicht weint.“

Als Übung für zu Hause sollen die Beiden für die jeweiligen Basisgefühle Schattierungen finden. Dann ist Selbstbeobachtung gefragt. Eins dieser Gefühle soll eine Woche lang im Fokus gehalten werden. Wie fühle ich mich im Detail, wenn ich z.B. Wut habe? Wie, wenn ich Scham empfinde? Zeigen sich diese Gefühle auch auf der Körperebene, vielleicht als Druck, Kälte oder Kribbeln? Verstärken sie sich oder schwächen sie sich ab mit meinen Gedanken?

Irene und Heinz sind bereit, sich ihrer Gefühlswelt zu stellen. Sie bemerken, dass, auch wenn die bisherigen Gespräche noch unrund liefen, sie sich trotzdem einander näher fühlen. Insofern sind sie motiviert, am Ball zu bleiben.

Ich bin auf unsere nächsten Termine gespannt. Liebe Leserin, lieber Leser, ich werde berichten.
Herzlichst
Sylvia Bieber

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